Parlament nimmt fürs Kies ordentlich „Kies“ in die Hand (Zitat P. Messerli)

Der bernische Grosse Rat hat am Mittwoch einen Kredit von 15,17 Mio. Franken für Rettungsgrabungen im Kallnachwald im Berner Seeland gesprochen. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass an diesem Ort später Kies abgebaut werden kann.

Der Kredit gab im Parlament zu reden, denn im Kallnachwald prallten wirtschaftliche, kulturhistorische, ökologische und finanzielle Interessen aufeinander. Ohne Grabung, soviel war klar, würde später auch der Kiesabbau nicht erlaubt.

Im Grossen Rat waren die Frontlinien nicht scharf gezeichnet. Manche lehnten den Kredit ab, damit die mutmasslichen Keltenfürstengräber unangetastet bleiben und ein Kiesabbau im Kallnachwald verunmöglicht wird.

Nur wer die Vergangenheit kenne, könne die Gegenwart begreifen, brach etwa SP-Grossrat Christian Bachmann am Mittwoch eine Lanze für die Archäologie.

„Liebe Fränklizähler“ wandte sich der Grüne Grossrat Michel Seiler an seine Ratskolleginnen und -kollegen. Wenn solch heilige, keltische Stätten der Vorfahren vernichtet würden, „nur um ein paar Milliönchen Gewinn zu machen“, wäre das ein schwarzer Tag für das bernische und schweizerische Kulturgut.

Andere im Rat sprachen sich für die Rettungsgrabungen aus, damit nachher eben Kies abgebaut werden könne und die wirtschaftliche Entwicklung der Region gestärkt werde. Der Kiesabbau sei ein wichtiger Wirtschaftszweig im Seeland, der nicht gefährdet werden dürfe, sagte BDP-Grossrätin Marianne Schenk.

Wieder andere Grossrätinnen und Grossräte monierten die hohen Kosten der GraMesserlibungen. „Da muss der Kanton Bern für mehr Kies viel Kies in die Hand nehmen“, sagte EVP-Grossrat Philippe Messerli. Das sei aber letztlich gerechtfertigt.

In der Tat muss das Parlament einen Rahmenkredit von brutto 15,17 Mio. Franken für zwölf Jahre sprechen. Allerdings beteiligen sich auch der Bund, die örtliche Burgergemeinde und das Kiesabbau-Unternehmen an den Kosten. Auf den Kanton Bern dürften letztlich wohl rund 5,7 Mio. Franken entfallen.

Der zuständige Regierungsrat Bernhard Pulver versicherte dem Rat, dass das Geld nur gebracht werde, wenn tatsächlich auch die erwartet wichtigen Funde zum Vorschein kämen.

Die vorberatende grossrätliche Kommission hatte mehrheitlich Zustimmung zum Kredit signalisiert, allerdings gab es auch eine Kommissionsminderheit, die für Ablehnung eintrat.

Nach langer Debatte fiel das Abstimmungsresultat im Rat klar aus: 112 Grossratsmitglieder sprachen sich für den Kredit aus, 19 dagegen und elf enthielten sich der Stimme.

Auch in Nidau

Ein weiterer Kredit für 15,5 Mio. Franken für Rettungsgrabungen in Nidau, wo dereinst auf dem ehemaligen Gelände der Landesausstellung Expo.02 die Wohnsiedlung Agglolac entstehen soll, war im Grossen Rat weniger bestritten.

Agglolac sei ein gutes, sinnvolles Projekt des verdichteten Bauens, betonten mehrere Grossrätinnen und Grossräte. Das Grossprojekt soll gegen 500 Mio. Franken Investitionen auslösen.

Die vermuteten Pfahlbauten seien sehr bedeutend, betonte Regierungsrat Pulver. Darum sei es nötig, dass man Grabungen vornehme.

Die Ausgrabungen seien ja nicht nur Pflicht, sondern „auch Respekt vor unseren Vorfahren“, führte Pulver aus. Er fände es schwierig, „wenn wir deren Reste einfach wegbaggern, weil wir dort bauen wollen“.

Der Grosse Rat stimmte dem Kredit ebenfalls klar mit 129 zu 5 Stimmen bei 5 Enthaltungen zu.

Damit seien eine wichtige Voraussetzung für die Finanzierbarkeit der Stadterweiterung am See erfüllt, freuten sich Vertreter der Projektgesellschaft Agglolac am Mittwoch in einer Mitteilung.

Gestützt auf das kantonale Denkmalpflegegesetz müssen die Städte Nidau und Biel als Grundeigentümerinnen maximal 50 Prozent der Archäologiekosten, die der Kanton aufwendet, tragen. Die Stimmberechtigten von Nidau und Biel werden deshalb zu einem späteren Zeitpunkt über einen Beitrag von ebenfalls 12,5 Mio. Franken befinden.

Am Gesetz schräubeln

Eine grundsätzliche Diskussion zum Thema Rettungsgrabungen anstossen wollen SVP und FDP mit einem Vorstoss zur Lockerung des Denkmalpflegegesetzes. In Zukunft soll in ähnlichen Fällen nicht mehr zwingend gegraben werden müssen, wie SVP-Grossrat Samuel Krähenbühl ausführte.

Das Gesetz soll neu eine Güterabwägung ermöglichen, so dass nicht nur archäologische Interessen gewichtet würden, wie Corinne Schmidhauser von der FDP betonte.

 Quelle: Bluewin, News / SDA 07.09.2016
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